Zahnärzte wissen es natürlich: Prophylaxe und Früherkennung sind besonders wichtig, um schwere Spätfolgen bei Zahnfleisch und Kiefer zu verhindern. So sollte jedes Kind bereits im Alter von vier Jahren einen ersten Besuch beim Kieferorthopäden zur Klärung etwaiger Fehlentwicklungen absolvieren. Eine parodontologische Untersuchung auf mögliche Schäden am Zahnfleisch ist aus medizinischer Sicht jedenfalls ab einem Alter von 12 bis 14 Jahren geboten. Die Realität sieht leider anders aus. Wie eine aktuelle Umfrage des Marktforschungsinstitutes Marketagent zeigt, gibt es dazu in der Bevölkerung große Wissenslücken. Zwar sagen 90% in der repräsentativen Befragung, dass man jährlich einmal (46,5%) oder zweimal (45,1%) zum Zahnarzt gehen sollte. Doch viele wissen nicht, wie wichtig die Untersuchung über Karies & Co hinaus ist. So wählten nur 20,4% der 1.060 Befragten die richtige Antwort aus, wann ein Besuch bei Fachzahnärzten für Kieferorthopädie geboten wäre. In der Frage nach einer parodontologischen Untersuchung waren es gar nur 9,9%. Auf die gestützte Frage nach dem jeweiligen Tätigkeitsbereich der beiden spezialisierten Zahnärzte wussten zumindest 50% zur Kieferorthopädie und 53% zur Parodontologie Bescheid. „Offensichtlich müssen wir noch viel mehr über unsere Tätigkeiten informieren“, resümieren DDr. Silvia Silli, Präsidentin des Verbandes Österreichischer Kieferorthopäden (VÖK) und ihr Pendant Dr. Michael Müller von der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP). Wobei in diesem Punkt die Parodontologen deutlich mehr Grund zur Sorge haben als die Kieferorthopäden: In der Generation Z, also der Gruppe der 1994 bis 2010 Geborenen, wissen 49,9%, was Kieferorthopäden machen, aber nur 35,5%, was Parodontologen machen.
Gesundes Zahnfleisch ist Grundvoraussetzung
Dabei ist die erfolgreiche Behandlung von Zahnfleischerkrankungen durch Parodontologen die Basis für Zahn- und Mundgesundheit. „Gesundes, entzündungsfreies Zahnfleisch ist eine Grundvoraussetzung für jede weitere zahnärztliche Maßnahme, insbesondere auch für kieferorthopädische Behandlungen“, betont Silli. Der Grundstein dafür könnte und sollte beim regelmäßigen Zahnarztbesuch gelegt werden und Grundlage für eine etwaige Überweisung in die Parodontologie sein. „Aus unserer Erfahrung müssen wir davon ausgehen, dass viele Zahnärzte zwar Mundhygiene und Karieskontrolle machen, nicht aber das Zahnfleisch sondieren. Vermutlich auch deshalb, weil die Kosten dafür nicht von den Kassen gedeckt werden“, so Müller. Die Folge: Krankheiten wie Parodontitis werden zu spät erkannt, nämlich oft erst dann, wenn bereits tiefe Zahnfleischtaschen und irreparable Schäden am Kieferknochen vorliegen. Das führt neben allgemein gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die Patienten im Extremfall zu vorzeitigem Zahnverlust und verursacht hohe Kosten für das Gesundheitssystem. Dabei würde solch eine Grunduntersuchung sicherstellen, dass etwaige Erkrankungen und Fehlentwicklungen rasch erkannt und mit geringem Aufwand abgewendet werden können, sagt Müller. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen und die fixe Aufnahme in die Vorsorge rät Müller dringend an. Und er weiß für diesen Vorstoß die Bevölkerung hinter sich: Laut Umfrage sagen 74%, die Krankenkassen sollten diese Kosten übernehmen.
PA