Die Zunge ist ein komplex aufgebautes Organ, welches vielfältige Aufgaben erfüllt. Neben der im Bereich des Apex und des Zungenrückens verhornten und an der Basis unverhornten Schleimhaut sind an ihrem Aufbau die willkürliche Muskulatur, sowie Bindegewebe, Nerven, Sinneszellen Blut- und Lymphgefäße beteiligt.
Neben ihrer Funktion bei Durchmischung und Transport der Nahrung sowie der Artikulation, enthält sie sowohl Tast- als auch Geschmacksrezeptoren in vier unterschiedlichen Formen von Papillen (P. filiformes, P. fungiformes, P. foliatae und P. vallatae). Kleine Speicheldrüsen im Bereich der Zungenwurzel und die serösen Ebnerschen Spüldrüsen tragen zur Erhaltung der ökologischen Homöostase in der Mundhöhle bei. Erkrankungen der Zungengewebe beeinträchtigen nicht nur die Mundgesundheit, sondern auch zahlreiche Funktionen unseres Organismus. Nach Angaben des National Health and Nutrition Examination Survey betreffen Läsionen der Zunge immerhin 15,5% der erwachsenen Bevölkerung. Die Zunge hat nur ein begrenztes Repertoire zur Reaktion auf exo- und endogene Reize. Neben Verfärbungen, strukturellen Aberrationen, Schwellungen, Gewebevergrößerungen oder Atrophie, manifestieren sich Erkrankungen in Form von Entzündungen, Ulzerationen oder sogar Neoplasien. Sämtliche der genannten Läsionen können sehr unterschiedliche Krankheitsbilder als Ursache haben, was eine primäre präzise Einschätzung und den Ausschluss möglicher Differenzialdiagnosen häufig erschwert. Nicht selten ist neben einer exakten Anamnese ein breites Repertoire von serologischen, mikrobiologischen zytologischen oder histopathologischen Untersuchungen zur diagnostischen Abklärung notwendig. Hinzu kommt, dass manche Veränderungen, wie etwa die Landkartenzunge oder die Lingua plicata durchaus in der physiologischen Variationsbreite auftreten, unter bestimmten Umständen aber auch mit Pathologien einhergehen können. Die nachfolgende Tabelle soll eine Übersicht der wichtigsten Pathologien der Zunge geben. Morphologie und Klinik zeigen dabei allerdings häufig Überschneidungen.
Lingua geografica (Landkartenzunge)
Zu Beginn findet der Zahnarzt oft nur Papeln, welche nach einiger Zeit aber in das Vollbild der Lingua geografica übergehen. Charakteristisch ist eine Atrophie der Papillae filiformis mit unregelmäßig geformten, oft stark geröteten glatten Arealen mit gelblich-weißem Randsaum. Die atrophischen Bereiche konfluieren und können sich in Form und Größe verändern, was auch zu den Bezeichnungen „benign migratory glossitis, Erythema migrans und Wanderplaques“ geführt hat. In vielen Fällen sind die Veränderungen harmlos und bedürfen keiner Therapie. Es gibt allerdings Hinweise auf eine genetische Disposition, mögliche psychische Auslöser, wie Stress oder Depression, Allergien, autoimmune Prozesse, sowie Mangelernährung oder Resorptionsstörungen welche mit einem Defizit an Vitamin B12 einhergehen. Cobalamin ist essentiell für verschiedene Stoffwechselleistungen, speziell auch für Reifung und Integrität der oralen Mukosa . Die L. geographica tritt gehäuft bei Diabetikern und bei meist jungen Patienten mit atopischer Dermatitis auf. Die Ergebnisse von Studien zu einer möglichen Assoziation der Landkartenzunge zur Psoriasis sind hingegen uneinheitlich. So wird von manchen Autoren die Landkartenzunge sogar als lokaler Typ einer Psoriasis inversa verstanden, während andere Arbeiten hier nur Zusammenhänge mit einer Lingua plicata sehen. Liang J. et al.(2017) sehen den Nachweis von IL36RN-Genmutationen bei Patienten mit Psoriasis pustulosa generalisata und gleichzeitiger exfoliativer Landkartenzunge von pathogenetischer Bedeutung. In jedem Fall sollten aus zahnärztlicher Sicht anamnestisch die genannten Grund-erkrankungen als mögliche Triggerfaktoren abgeklärt werden. Während symptomfreie Formen der Wanderplaques keiner speziellen Therapie bedürfen, benötigen Patienten mit ausgeprägtem burnig mouth syndrome oder starker Überempfindlichkeit und Schmerzen eine zumindest supportive Behandlung. Je nach Ausmaß der Beeinträchtigung kommen Mundwässer mit Antihistaminika, Dexapanthenol und bei Zusammenhang mit autoimmunen Erkrankungen topische Steroide und Tacrolimus zum Einsatz.
Lingua plicata (Faltenzunge, Fissurenzunge)
Diese in vielen Fällen harmlose, im Bereich der normalen Bandbreite auftretende autosomal dominant vererbte Varietät der Zungenoberfläche, tritt mit einer durchschnittlichen Prävalenz von 10-20% auf und bedarf meist keiner Therapie. Nur in seltenen Fällen klagen Patienten über Glossodynie. Die Lingua plicata manifestiert sich meist erst ab dem 40. mit Schwerpunkt Ende des 60. Lebensjahres und ist durch tiefe, längs- und querverlaufende Furchen gekennzeichnet. Ein gemeinsames Auftreten mit der L. geografica ist möglich. Besonders häufig findet man eine Lingua plicata bei Patienten mit Down Syndrom, bei Akromegalie, im Rahmen seltener Syndrome wie Cowden oder Pierre Robin Syndrom und in Zusammenhang mit Psoriasis. Bei Vorliegen einer Lingua plicata sollte der behandelnde Zahnarzt in erster Linie das zu den orofazialen granulomatösen Erkrankungen zählenden Melkerson Rosenthal Syndrom (MRS) mit der typischen Kombination aus tiefen Zungenfissuren, rezidividierenden oralen und perioralen Ödemen und einer Parese der N. facialis ausschließen. Da das MRS nicht selten in Kombination mit einem M. Crohn, einer Sarkoidose oder einer Psoriasis auftritt, erklärt sich auch der Zusammenhang der Faltenzunge mit diesen Krankheitsbildern. Differenzialdiagnostisch sind atrophische Zungenveränderungen in Folge einer perniziösen Anämie mit Vitamin B12 Mangel durch Fehlen des Intrinsic Faktors, ein Sjögren Syndrom mit ausgeprägter Hyposalivation, ein Lichen ruber planus und eine septische Granulomatose abzuklären. Bei Vorliegen einer ausgeprägten Form der Faltenzunge sollte der Zahnarzt das Problem nicht verharmlosen, sondern anamnestisch die möglicherweise verursachenden, nicht unerheblichen Grunderkrankungen ausschließen.
DDr. CHRISTA EDER
FA für Pathologie und Mikrobiologin
eder.gasometer@chello.at