Interview mit Univ. -Ass. DDr. Hannes Klimsch, Universitätszahnklinik Wien, Abteilung für Zahnerhaltung

Sie verwenden seit Jahren auf der Abteilung für Zahnerhaltung das Mikroskop für die Wurzelbehandlung. Wieso setzen Sie das Mikroskop ein?

KLIMSCHA: Prof. Kim aus Philadelphia, der das Mikroskop in der Endodontie bekannt gemacht hat, prägte folgenden Satz: „You can treat,­ what you can see". Gerade in der Endodontie kann man eine gezielte Behandlung nur dann durchführen, wenn das Operationsfeld auch gut einsehbar ist. Man kann über eine Lupenbrille und einen Rhodiumspiegel eine visuelle Vergrößerung des Pulpenkavums erzielen; die Ausleuchtung stellt aber ein Problem dar. Das ist der wesentliche Vorteil des Operationsmikroskopes, da hierbei die Sehachse und die Beleuchtungsachse in einer Achse zusammengeführt werden. Somit bekommt man neben der optimalen Vergrößerung durch das Mikroskop auch eine optimale Ausleuchtung des Operationsfeldes.

Gibt es Studien, die belegen, dass Wurzelbehandlungen mit dem Mikroskop bessere Ergebnisse erzielen?

KLIMSCHA: Momentan ist mir keine auf das Mikroskop bezogene Studie bekannt, aber da das Ziel der Wurzelbehandlung ein möglichst bakterienfreier Kanal ist, birgt die Logik in sich, dass man Geräte zu Hilfe nimmt, mit denen man ganze Kanäle, wie z.B. den „mb2" (ein Kanal zwischen dem palatinalen und mesiobuccalen Kanal) nicht mehr - wie früher - übersehen kann. Nicht aufbereitete Kanäle stellen eben eine optimale Nische für Bakterien dar und gefährden den Langzeiterfolg.

Was ist ausschlaggebend dafür, dass ein wurzelbehandelter Zahn langfristig erhalten bleibt?

KLIMSCHA: Bei der Vitalexstirpation liegt der Schwerpunkt der Behandlung im Auffinden aller Kanäle, der vollständigen Entfernung des Pulpengewebes und einer abschließenden homogenen Wurzelkanalfüllung. Dies sollte natürlich unter Einhaltung einer aseptischen Arbeitsweise erfolgen. Bei der Gangränzahnbehandlung liegt der Schwerpunkt in der Desinfektion des komplexen Wurzelkanalsystems unter Ausschöpfung aller zur Verfügung stehenden Mittel. Dazu zählen Instrumente größeren Durchmessers, Einhaltung eines vorgegeben Spülprotokolles und natürlich die medikamentöse Zwischeneinlage in Kombination mit dem Laser.

Wenn man eine Revision durchführt, ist ein gezieltes Entfernen von altem Wurzelbehandlungsmaterial nötig, da besonders hier Nischen für Bakterien zu finden sind. Bei dieser Behandlung erzielt man mit dem Einsatz des Mikroskops eine bessere Reinigung, Aufbereitung und Überwindung von eventuell bestehenden Stufen. Auch die  Entfernung von abgebrochenen Wurzelbehandlungsinstrumenten ist erst mit dem Mikroskop zur Routine geworden.

Sie selbst betreiben eine Kassenordination. Wie schaffen Sie es, das Mikroskop trotz Kassenhonoraren bei Ihrer Arbeit einzusetzen? Oder verwenden Sie das Mikroskop nur auf der Universitätszahnklinik?

KLIMSCHA: Revisionen unter dem Mikroskop sind wirtschaftlich gesehen zum Kassentarif nicht durchführbar, da sie extrem zeitraubende Behandlungen von im Durchschnitt drei Stunden darstellen. Bei der Vitalexstirpation ermöglicht mir das Mikroskop eine effizientere Behandlung, weil Kanäle rascher gefunden werden und eine Reinigung von Pulpengewebsresten gezielt durchgeführt werden kann. Außerdem verwende ich mittlerweile bei profunder Kariesentfernung im pulpennahen Bereich routinemäßig das Mikroskop sowie bei der Beschliffkontrolle und teilweise beim Beschliff selbst. Das Mikroskop bringt summa summarum nach einer anfänglich sehr, sehr mühsamen Eingewöhnungsphase nach Jahren einen Gewinn an Qualität und Zeitersparnis. Der Nachteil ist die Tatsache, dass nur mit speziellen Instrumenten unter dem Mikroskop gearbeitet werden kann, man benötigt eigene Schleifkörper, Winkelstücke, Ultraschallspitzen usw.

Soll die „Wurzelbehandlung mit Mikroskop" in den Honorartarif für Kassenvertragsärzte aufgenommen werden? Was wäre ein Anreiz für die Krankenkassen?

KLIMSCHA: Ich sehe keinerlei Möglichkeiten, das Mikroskop über die Kassen zu finanzieren. Der Zeitaufwand einer Wurzelbehandlung unter dem Mikroskop ist selbst nach sechsjähriger Arbeitserfahrung im Vorhinein nicht exakt kalkulierbar und daher über einen Pauschalbetrag nicht verrechenbar.

Können Sie Kolleginnen und Kollegen in der Kassen- beziehungsweise Privatpraxis einen Tipp geben, ob und wie sie das Mikroskop verwenden sollen oder können?

KLIMSCHA: Es ist auf jeden Fall eine sinnvolle Investition, die zu einer qualitativen Steigerung ihrer Arbeit führt, doch es muss bei der Anschaffung auch klar sein, dass das Mikroskop auch permanent eingesetzt wird. Es reicht nicht, es hin und wieder zu verwenden, weil man sonst nicht die Vertrautheit und den damit verbundenen Erfolg mit diesem speziellen Instrumentarium erlangt. Die Kollegen sollten am besten mit Wurzelbehandlungen beginnen, und das Mikroskop muss so angebracht sein, dass der Einsatz möglichst rasch durchführbar ist. Zu bevorzugen ist ein an der Decke oder Wand montiertes Mikroskop, ein Bodenstativ mit Rollen halte ich für nicht empfehlenswert.

Das Gespräch führte DDr. Klaus Kotschy