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ZMT sprach mit Prof. Dr. Adriano Crismani, Direktor des Departments für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Med. Universität Innsbruck sowie Direktor der Univ.-Klinik für Kieferorthopädie.
Wie sieht Ihr Rückblick auf den Zahnmedizin-Kongress aus? Was waren aus Ihrer Sicht die Highlights?
Crismani: Der 49. Österreichische Kongress für Zahnmedizin war zweifellos ein Erfolg. Mit über 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war er gut besucht, damit und mit dem Angebot an wissenschaftlichen Themen und Austellern konnten wir sehr zufrieden sein. Es gab über 80 Aussteller, und ich denke, die meisten von ihnen waren zufrieden. Insgesamt herrschte eine sehr gute Stimmung. Highlights waren aus meiner Sicht Aspekte der KI in der Kariesdiagnostik, die Digitalisierung der Zahnmedizin, Interdisziplinarität und die faszinierende Welt des Mikrobioms. Der letzte Kongress in Innsbruck fand 2017 statt, und man merkt deutlich die Veränderung bei den Themen. Heute sind Digitalisierung und KI viel wichtiger geworden. Es wurde beim Kongress auch betont, dass Zahnmedizin Medizin ist. Man sollte über den Tellerrand blicken und – zugespitzt gesagt – nicht nur an die Füllungen, sondern an den ganzen Patienten/die Patientin denken. Patienten sind ein Thema für Interdisziplinarität. Man muss am aktuellen Wissen in der Medizin dranbleiben, hat zudem auch schon viel vergessen. Andere Fachrichtungen sind für uns wichtig, etwa im Zusammenhang mit Allergien, Unverträglichkeiten und dem Mikrobiom. Ich finde den Konnex Medizin/Zahnmedizin jedenfalls sehr spannend. Die Verbindung Parodont und Allgemeinzustand beispielsweise ist heute wohl den meisten bekannt.
Was gibt es Neues am Department Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie?
Crismani: Die Klinik für MKG-Chirurgie wurde gemeinsam mit der HNO-Klinik als österreichweit erstes und einziges universitäres Kopf-Hals-Tumorzentrum zertifiziert. Die Synergien, sowohl Logistik als auch Kenntnisse betreffend, sind sehr zu begrüßen. Die Leitung der MKG-Chirurgie (Nachfolge Prof. Kolk) wurde ausgeschrieben, und es gibt viele Interessenten. Wir sind derzeit in der Phase der Begutachtung und optimistisch, dass wir im Laufe des nächsten Jahres eine neue Leitung haben werden. Mit der Ausschreibung hat die Universität ein klares Statement abgegeben: Es wird eine neue Leitung geben.
Welche Neuigkeiten sind im Hinblick auf die KFO-Klinik zu nennen?
Crismani: Wir haben im März mit der Weiterbildung zum Fachzahnarzt für Kieferorthopädie begonnen, in Zusammenarbeit mit den anderen drei öffentlichen Medizinuniversitäten. Jedes Semester ist eine andere Uni für die Online-Ausbildung zuständig. Am Ende des Semesters findet ein Treffen vor Ort statt. Das Praktikum wird an der jeweiligen Ausbildungsstätte absolviert. Die Lehre fußt auf drei Säulen: Die Undergraduate-Ausbildung erfolgt autonom, so haben wir in Innsbruck zwei Semester Hauptvorlesung, zwei Unterrichtseinheiten zweimal in der Woche. Für Kieferorthopädie sind drei Wochen vorgesehen, eine Woche ist dem Praktikum mit Herstellung einer abnehmbaren Spange gewidmet. Die Fortbildung für Assistenzzahnärzte umfasst Ganztagskurse mit eingeladenen Experten, etwa zu digitalen therapeutischen Maßnahmen. Die dritte Säule betrifft die Weiterbildung zum Fachzahnarzt für Kieferorthopädie. Das Säulenmodell ist gut etabliert.
Gibt es Veranstaltungen, die Sie ankündigen möchten?
Crismani: Ja, mit großer Freude möchte ich das klassische, internationale Frühjahrs-Seminar Meran ankündigen. Sämtliche Themen der Zahnmedizin werden in Vorträgen und Workshops behandelt. Der Vorkongress wird zusammen mit Ivoclar veranstaltet. Natürlich ist auch die jährliche Internationale Kieferorthopädische Fortbildungstagung in Kitzbühel zu nennen, mit Vortragenden aus Deutschland, Italien und Spanien. Nach Jahrzehnten wird es eine Veränderung geben, die Tagung wird nur von Samstag bis Donnerstag stattfinden – allerdings mit gleicher Fortbildungspunktezahl. Wir möchten mit der Zeit gehen, eine Woche ist für manche zu lang. Man wird sehen, wie sich die Besucherzahlen dadurch entwickeln, aber wir sind sehr zuversichtlich, dass dieses neue Format gut ankommen wird.
Gibt es noch einen Punkt, der Ihnen besonders am Herzen liegt?
Crismani: Ja, ich möchte nochmals auf den Zahnmedizinkongress zurückkommen und mit Freude feststellen, dass eine Präsenzveranstaltung doch mehr Wert und Akzeptanz hat. Die sozialen Aspekte und das Zwischenmenschliche sind nicht zu unterschätzen. Generell hat sich ja in der Fortbildung viel verändert, es gibt viel mehr Anbieter als früher, man könnte fast schon von Kannibalisierung sprechen. Wir sind ein kleines Land, und zu einem Thema gibt es zwei bis drei Experten, die in einem Jahr ohnehin an mehreren Orten auftreten. Von daher ist es gar nicht sicher, dass ein großer Kongress heutzutage funktioniert. Er hat funktioniert, und das freut uns.
Herzlichen Dank für das Interview!
Priv.-Doz. Dr. PETER WALLNER Umweltmediziner und Medizinjournalist peter.wallner4@gmail.com
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