Sieg der Liste 2 - Die neue Wiener Zahnärztemannschaft

Die Wahl ist geschlagen und hat in Wien einen Erdrutschsieg für das Bündnis NOVUM-ZIV gebracht. Das neue Team besteht aus 10 Frauen und 9 Männern, eine Rarität! Wir haben das Präsidium, Präsident OMR Dr. Franz Hastermann, 1. Vizepräsident Dr. Marius Romanin und die 2. Vizepräsidentin Dr. Petra Drabo zu ihren Visionen, Zielen und konkreten Umsetzungsplänen befragt.

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War das Ergebnis der Wahl eine Überraschung für Sie?

HASTERMANN: Nein, ich habe mir ein deutliches Ergebnis erhofft, geworden ist es fast eine 2/3 Mehrheit. Wahlberechtigt waren in Wien 1729 Zahnärztinnen und Zahnärzte, 861 haben gewählt und davon 305 die alte Liste mit Dr. Birgit Vetter-Scheidl an der Spitze, aber 504 mich und mein Team im Bündnis NOVUM-ZIV.

ROMANIN: Auch für mich war das Ergebnis nicht überraschend, ich war speziell in der Schlussphase des Wahlkampfes zuversichtlich und sicher, dass wir es schaffen werden.

DRABO: Natürlich habe ich mir gute Chancen ausgerechnet, sonst wäre ich nicht zur Wahl angetreten. Sicher kann man sich jedoch nie sein, da es noch viele KollegInnen gibt, die an Kammerpolitik nicht interessiert sind.

Sie sind mit drei wichtigen Zielen angetreten: 1. Echte Entlastung – wie soll das konkret gehen?

ROMANIN: Die durchschnittliche Inflation der letzten Jahre von 5% bedeutet auch für die Zahnärzteschaft einen Kaufkraftverlust, zudem ist der durchschnittliche Kassenumsatz der Zahnärzte sogar gegenüber der Vor-Pandemiezeit um ca. 10 Prozent gesunken. Wir müssen den Kostendruck besonders für Einzelpraxen senken, und die wichtigste Anlaufstelle werden unsere Partner, der Handel und die Industrie, sein.

HASTERMANN: Wir werden mit dem Handel, der ja unser direkter Ansprechpartner ist, Gespräche führen und hoffen, dass wir auch bei den Geräteherstellern auf offene Ohren für dringend erforderliche Kostendämpfungen stoßen..

ROMANIN: Wir sehen vor allem im Bereich Wartung/Service des Equipments einigen Spielraum, das ist oft extrem teuer und den jungen Kolleg:innen und wirtschaftlich noch nicht so erfahrenen Zahnärzten wird vorgegaukelt, dass diese Kosten Usus sind.

HASTERMANN: Der Turnover ist in unserer Branche leider sehr schlecht, die Geräte sehr teuer und bevor sie sich amortisieren müssen sie oft auch schon wieder ersetzt werden. Ein anderer wichtiger Punkt sind die Funktionärskosten, diese wurden um 12 Prozent gesenkt und befinden sich damit auf dem Niveau von 2021. Dies ist ein erster Schritt, um langfristig sogar eine Beitragssenkung zu ermöglichen.

DRABO: Die MitarbeiterInnen der Kammer müssen bestmöglich unterstützt werden, kundenorientiert zu agieren. Dafür braucht es einerseits klare Zuständigkeiten und darüber hinaus flexibles und lösungsorientiertes Handeln. Entlastung bedeutet auch Bürokratie abzubauen oder zumindest unkomplizierte Hilfestellung in deren Bewältigung. Weil unser Berufstand längst weiblich geworden ist, unsere Strukturen aber noch nicht, möchte ich ein besonderes Augenmerk auf die jungen Kolleginnen legen. Es geht hier nicht um Sonderrechte sondern um Chancengleichheit. Gleiche Leistung verdient gleiche Unterstützung, unabhängig von individuellen Netzwerken.

2. Besseres Service – in welchen Bereichen?

HASTERMANN: Wir wollen die Kommunikation abseits von Rundschreiben und Mails verbessern, neben Telefon und persönlichen Kontakten sind wir künftig auch per Video in den Sprechstunden erreichbar. Es sind bereits neue Kommunikationspfade in Entwicklung, welche die Kommunikation zwischen Kolleg:innen und Kammer unter strenger Beachtung des Datenschutzes vereinfachen.

ROMANIN: Eine offene, transparente und zeitgemäße Kommunikation ist ein zentraler Schwerpunkt meiner Agenda. In meiner Funktion als Vizepräsident der LZÄK Wien sehe ich mich als Ansprechpartner für alle Wiener Kolleginnen und Kollegen – mit dem Anspruch, Anliegen rasch, unkompliziert und lösungsorientiert aufzugreifen. Dafür braucht es moderne digitale Standards, aber vor allem eine Kultur der Erreichbarkeit und des direkten Dialogs. Wir möchten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht alle Details vorwegnehmen, aber eines kann bereits gesagt werden: Wir haben klare Vorstellungen und wollen spürbare Veränderungen umsetzen.

DRABO: Unsere Administration muss kundenfreundlicher werden. Dazu müssen wir den Kolleglnnen zuhören und praktikable Lösungen finden, um den beruflichen Alltag gut zu bewältigen. Aber auch Unterstützung bei der Bürokratie in besonderen Situationen, wie z.B. Übergabe/Übernahme von Ordinationen, bieten.

3. Stärkeres Miteinander – was ist damit gemeint?

HASTERMANN: Ja, wir brauchen Einigkeit! Von den Angestellten bis zu den Kieferorthopäden – wir müssen an einem Strang ziehen, auf partnerschaftlichem Niveau, nur so sind wir stark.
Leider ist die Wahl auf Bundesebene dabei nicht sonderlich hilfreich gelaufen und ein neuer frischer Wind verhindert worden. (Anm. d. Red.: Weder Wien noch NÖ sind in relevante Funktionen gewählt worden, obwohl sie rund 46 Prozent aller österreichischen Zahnärzte vertreten!).

ROMANIN: Sieben Bundesländer haben sich bereits im Vorfeld auf einen gemeinsamen Kandidaten für das Präsidentenamt der Österreichischen Zahnärztekammer verständigt. Die Landeszahnärztekammer Wien und ihr Reformkurs wurden dabei leider nicht berücksichtigt. Ich halte es für wichtig, Blockbildungen innerhalb unserer Standesvertretung zu vermeiden. Nur wenn wir unterschiedliche Perspektiven einbinden und geschlossen auftreten, können wir die Interessen der österreichischen Zahnärzteschaft wirkungsvoll vertreten.

DRABO: Da wir in der ÖZÄK im Moment nicht vertreten sind, konzentrieren wir uns auf Wien und können dadurch auch als gutes Beispiel für die anderen Bundesländer vorangehen. Grundsätzlich ist ein Miteinander der gesamten KollegInnenschaft ein wichtiger Grundpfeiler einer starken Standesvertretung gegenüber aller Player im Gesundheitswesen und der Politik.

Wie stehen Sie zum BVAEB Pilotprojekt?

HASTERMANN: Wir finden Honorarerhöhungen natürlich grundsätzlich gut und längst überfällig. Das BVAEB-Projekt ist in der derzeitigen Form aber eine Mogelpackung. Sieht man sich die Zahlen genauer an, dann sind zwar einzelne Positionen erhöht worden, die Durchrechnung zeigt aber, dass die Zahnärzteschaft dabei draufzahlt. Die Prophylaxe kann nicht von den Zahnärzten bezahlt werden, der Trend geht aber in diese Richtung, wie man bei der SVA und ihren Zuschussvorgaben für Kronen und Brücken sieht. Die westlichen Bundesländer haben dazu einen anderen Standpunkt, während Wien und NÖ die gleiche kritische Position bezogen haben. Aber natürlich ticken die Uhren in den Ballungszentren anders als im ländlichen Gebiet.

ROMANIN: Der Wählerauftrag zum BVAEB-Projekt ist klar und eindeutig. Es ist unsere Verantwortung, die Situation laufend zu evaluieren und alle zur Verfügung stehenden Optionen zu prüfen. Die Landeszahnärztekammer Wien wird innerhalb ihrer Kompetenzen mit Nachdruck für jene Lösungen eintreten, die den Interessen der Kolleginnen und Kollegen am besten entsprechen – einschließlich eines möglichen Ausstiegs oder grundlegender Reformen.

DRABO: Das BVAEB Projekt ist besonders für kinderzahnheilkundlich tätige KollegInnen ein vorhersehbares Desaster. Die neue 2 mal pro Jahr bezahlte Mundhygienesitzung für Kinder ab 6 Jahren z.B. ersetzt niemals die vielen inkludierten Leistungen (Rö, OPG, Ber,HI,Sto,…), besonders für Kinder unter 6 Jahren, in der Pauschalleistung ZO. In Anbetracht der Tatsache, dass auch die Übernahme der zahnärztlichen Untersuchung in den MKP bisher nicht gelungen ist, bedeutet das BVAEB Projekt einen Abbau der Präventionsleistungen für Kinder.

Ziel: Stärkung der Gruppenpraxen – sind Einzelkämpfer out?

ROMANIN: Die Förderung von Gruppenpraxen ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Bestandteil einer zukunftsorientierten Gesundheitspolitik. Gleichzeitig dürfen wir die Herausforderungen, mit denen insbesondere Einzelpraxen zunehmend konfrontiert sind, nicht außer Acht lassen. Steuerliche Veränderungen, wie die geplante Reduktion des Gewinnfreibetrags ab 2027, verschärfen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusätzlich. Hinzu kommt eine bestehende Wettbewerbsverzerrung gegenüber Ambulatorien – beginnend bei unterschiedlichen Rahmenbedingungen im Bereich der Werberichtlinien bis hin zu Fragen der finanziellen Haftung. Gerade die Einzelpraxis, die in Wien nach wie vor rund 70 Prozent der zahnärztlichen Versorgungsstrukturen ausmacht, darf dadurch nicht ins Hintertreffen geraten.

DRABO: Einzelpraxen sind immer noch zu 70% der Standard in Wien. Sie geraten jedoch immer mehr unter finanziellen Druck, vor allem die Kassenordinationen und es wird immer schwieriger als EinzelbehandlerIn die Anzahl der PatientInnen zu versorgen, die es braucht, um wirtschaftlich zu arbeiten. Deshalb sind Gruppenpraxen ein gutes Zukunftsmodell, auch um Privatleben und Beruf gut vereinbaren zu können, für die, die das möchten. Dafür braucht es aber einen Gesamtvertrag für Gruppenordinationen, der idealerweise von der Standesvertretung mit den Kassen ausverhandelt wird. Eine Ablöse für Kassenordinationen von Seiten der Kassen, wenn ein Vertrag zurück gelegt wird, wie es bei den praktischen Ärzten üblich ist, sollte intensiv diskutiert werden. Nur in der Vielfalt und Wahlmöglichkeit der Art der Berufsausübung in unterschiedlichen Lebensphasen sehe ich eine aussichtsreiche Zukunft für unseren Berufstand.

Wie wollen Sie die Freiberuflichkeit schützen?

HASTERMANN: Investorgeführte Ambulatorien sollten generell nicht mehr genehmigt werden. Gruppenpraxen aber, mit einem Gesamtvertrag für ganz Österreich, sichern das Überleben des freien Berufes und sind die beste Alternative zur Einzelpraxis. Die Abschaffung des Gewinnsteuerfreibetrags aber ist der falsche Weg.

DRABO: Ja, die investorenbetriebenen, rein profitorientierten Ambulatorien sollten verhindert werden. Die Werberichtlinien sollten für alle gleich gelten, ebenso die Abrechnungsmodalitäten und Subventionen.

Sind Sie mit der Reduzierung der Höchstbemessung im Wohlfahrtsfond zufrieden?

HASTERMANN: Der jährliche Höchstbeitrag des Wiener Wohlfahrtsfonds wird durch die beschlossene Reform mit 2027 von 34.000,- auf 24.000,- Euro gesenkt, eine deutliche Verbesserung auch für die Zahnärzteschaft. Es gibt aber noch Raum für weitere beitragsmindernde Maßnahmen.

ROMANIN: Der Wiener Wohlfahrtsfond ist mit 1,7 Milliarden derzeit gut aufgestellt. Die Beiträge werden ab 2027 gesenkt, und gleichzeitig die Pensionen erhöht. Trotzdem sehen wir in der Landeszahnärztekammer Wien weiteren großen Reformbedarf. Als Mitglied des Verwaltungsausschusses des Wohlfahrtsfonds werde ich mich im Interesse der Zahnärzte und Zahnärztinnen klar dafür einsetzen.

DRABO: Der Wohlfahrtsfond muss modernisiert werden. Er wurde gegründet, als unser Beruf fast nur von Männern ausgeübt wurde und sich Fragen wie z.B. Unterstützung von schwangeren Kolleginnen oder Unterstützung nach der Geburt nicht gestellt haben. Stattdessen war die Frage der Versorgung der (Ex)Ehepartnerinnen im Vordergrund. Es braucht mehr Flexibilität in der Wahlmöglichkeit der Unterstützung. Wer von Gleichstellung spricht, muss auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Sie wollen mehr Kommunikation, transparent und digital – wie geht das genau?

ROMANIN: Die geschlossene Facebook-Gruppe „Zahnärzte Österreich“ zählt mittlerweile 1.857 Mitglieder und zeigt eindrucksvoll, dass der fachliche Austausch heute zunehmend in den sozialen Medien stattfindet. Ein zentrales Anliegen meiner Agenda ist es daher, Themen und Anliegen der Landeszahnärztekammer Wien genau dort zu kommunizieren, wo unsere Kolleginnen und Kollegen bereits miteinander diskutieren. Gleichzeitig möchte ich diese Kanäle nutzen, um als direkter Ansprechpartner für Fragen, Herausforderungen und unterschiedliche Anliegen der Mitglieder zur Verfügung zu stehen.

DRABO: Der Wahlkampf ist vorbei, in den sozialen Medien wollen wir strukturiert, besonnen und informativ auftreten. Außerdem ist es uns wichtig, auf allen Kanälen und auch offline gut erreichbar zu sein, um im guten Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen zu bleiben.

Eines Ihrer Anliegen ist die Entbürokratisierung der Kammer – wie kann man sich das vorstellen?

HASTERMANN: Wir versuchen den Bürokratismus in der Wiener Kammer niedrig zu halten. Geplante Digitalisierung wird dabei eine wesentliche Rolle spielen. Die Wiener Abrechnungsstelle wird mit einer Plattform online gehen. Damit wird der Zugang, der noch nicht von allen genutzt wird, wesentlich vereinfacht und es werden sich völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Auch für die Kolleg:innen in den Bundesländer wäre das eine gute und einfache Option.

DRABO: Wir wollen ein offenes Ohr in einem offenem Haus für alle KollegInnen bieten. Auch telefonisch erreichbar zu sein, sich in regelmäßigen Veranstaltungen (z.B. RegionalzahnärztInnen-Treffen) kennenzulernen, zu beraten und gegenseitig zu unterstützen entspricht unserer Einstellung zu „Gemeinsam mehr bewegen“.

Sie wollen mit einer Stimme sprechen und setzen auf das Miteinander Bündnis NOVUM und ZIV?

HASTERMANN: Wir sind ein Team und das funktioniert völlig problemlos.

DRABO: Wir sind schnell zu einem sehr konstruktiv arbeitenden Team zusammengewachsen, das aufgrund seiner Diversität (50:50 Parität Frauen:Männer, KassenzahnärztInnen, WahlzahnärztInnen, KieferorthopädInnen, KinderzahnärztInnen, angestellte ZahnärztInnen, VertretungszahnärztInnen, zertifizierte Sachverständige, Oralchirurgen, ….) viele unterschiedliche Perspektiven einbringen kann. Die Grundlage dafür sind häufige Besprechungen des gesamten Teams und eine respektvolle Gesprächskultur in einer flachen Hierarchie. Unsere gemeinsame Vision, unseren Berufstand wieder zu stärken, schweißt uns zusammen.

Was wollen Sie ganz persönlich erreichen?

ROMANIN: Ich möchte, dass unsere Mitglieder spüren, dass sich in der Landeszahnärztekammer Wien etwas bewegt. Die Kammer soll als moderne Serviceeinrichtung wahrgenommen werden, die ihre Mitglieder aktiv unterstützt und ihre Interessen mit Nachdruck vertritt. Mein Anspruch ist es, genau jene Veränderungen umzusetzen, die ich mir als Mitglied selbst immer gewünscht habe.

HASTERMANN: Mein Ziel ist es, dass sich jede Kollegin und jeder Kollege in der Wiener Zahnärztekammer gut aufgehoben fühlt und seinen Kammerbeitrag als sinnvolle Investition erleben kann.

DRABO: Meine Vision ist, unserem Berufstand wieder den Stellenwert zu geben, den er einmal hatte. Unsere wertvolle Arbeit, die wir tagtäglich quer durch alle Bevölkerungsschichten, durch alle Altersspektren, besonders auch im Sinne der Prävention, leisten, muss wieder bewusst und sichtbar gemacht werden. Nur so werden wir wieder als partnerschaftliches Gegenüber in der Politik und im Gesundheitswesen wahrgenommen.

Herzlichen Dank für das Interview, das Dr. Birgit Snizek führte.