Chronisch entzündliche Darmerkrankungen - Ihr Einfluss auf die orale und parodontale Gesundheit

Zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) gehören Morbus Crohn und Colitis Ulcera. Bei beiden Erkrankungen kommt es durch anhaltende Aktivierung des Immunsystems zu einer chronischen Entzündung im Verdauungstrakt. Die Beschwerden der bei den Krankheitsbilder ähneln sich, wobei sie sich in unterschiedlichen Bereichen des Gastrointestinaltrakts manifestieren.

Beide Erkrankungen können so wohl im Kindesalter als auch im Erwachsenenalter auftreten. Bei ca. der Hälfte der Fälle treten auch Symptome in anderen Organen auf, denn im Zuge einer CED kann es auch zu Beschwerden außerhalb des Verdauungstraktes kommen – man spricht von Extraintestinalen Manifestationen (EIM). Die EIM treten mit einer Prävalenz von 6% bis 47% auf und manifestieren sich dabei meistens in mehr als einer Region. Oral kann sich die Erkrankung in Form von unterschiedlichen Läsionen, wie Aphten und granulomatöse Cheilitis mit einer Prävalenz von 5% bis 50% manifestieren. Bei Morbus Crohn treten die extraintestinalen Manifestationen in oraler Schleimhaut häufiger auf als bei Colitis ulcerosa; die Prävalenz beträgt jeweils 10% und 4%. Die bei CED vorliegende Störung in der Zusammensetzung der Mikroorganismen kann sich extraintestinal im Mund als Gingivitis manifestieren und unter bestimmten Umständen zur Parodontitis führen.

Parodontitis und CED

Parodontitis und chronisch entzündliche Darmerkrankungen, wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa weisen pathophysiologische Überschneidungen auf, die auf gemeinsamen immunologischen und mikrobiellen Mechanismen beruhen. Allen Erkrankungen liegt eine chronische, fehlregulierte Entzündungsreaktion zugrunde, die durch eine gesteigerte Produktion proinflammatorischer Zytokine wie IL-1b, IL-6 und TNF-a gekennzeichnet ist. Diese Mediatoren fördern nicht nur die lokale Gewebedestruktion, sondern können systemisch wirken und Entzündungsprozesse in entfernten Geweben verstärken. Zudem spielen Veränderungen des Mikrobioms eine zentrale Rolle: Sowohl bei Parodontitis als auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kommt es zu einer Dysbiose, die die Immunantwort weiter antreibt. Ein wesentlicher Verbindungsmechanismus ist die sogenannte orale intestinale Achse. Parodontale Pathogene wie Porphyromonas gingivalis und Fusobacterium nucleatum können durch Schlucken oder hämatogene Streuung in den Darm gelangen, dort die epitheliale Barriere beeinträchtigen und die intestinale Permeabilität erhöhen. Dies geschieht unter anderem durch die Beeinflussung von Tight Junctions und führt zu einer verstärkten Immunaktivierung mit erhöhter Ausschüttung von IL-17 und IL-6 sowie einer Reduktion antiinflammatorischer Zytokine wie IL-10. Umgekehrt kann die systemische Entzündung bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen die parodontale Situation negativ beeinflussen. Zirkulierende Zytokine und Immunzellen fördern auch im Zahnhalteapparat entzündliche Prozesse, was sich in erhöhten Werten von Entzündungsmarkern wie MMP-8 sowie IL-1, IL-6, IL-8 und TNF-a widerspiegelt. Zusätzlich wird diskutiert, dass immunologische Kreuzreaktionen zwischen oralen und intestinalen Antigenen zur Verstärkung der Entzündung beitragen können. Insgesamt ergibt sich ein bidirektionaler Zusammenhang: Parodontitis kann entzündliche Prozesse im Darm verstärken, während chronisch entzündliche Darmerkrankungen das Risiko und die Schwere parodontaler Erkrankungen erhöhen. Beide Erkrankungen teilen so mit zentrale pathophysiologische Mechanismen wie Dysbiose, Barrierestörungen und eine systemisch wirksame Immunaktivierung.

Patientenfall

Herr S., Alter 24 Jahre, kommt im April 2021 zur Erstaufnahme an die SFU Zahnklinik. Hauptanliegen ist eine KFO Behandlung. Der Patient ist aktuell wegen Colitis Ulcerosa in ärztlicher Behandlung. Bei klinischer Begutachtung zeigt sich eine auffällige PGU.
PGU: 4-3-4
        3-3-4
Parodontologische Anamnese
• Interdentalraum Reinigung – keine
• Putzfrequenz und Dauer – 2xtgl. ca. 2–3min
• Zahnpasta mit Fluorid
• Zahnfleischblutung (während der Zahnreinigung, bei Nahrungsauf nahme, spontan) – immer Foetor ex ore
Intraorale Befunde (Abb. 3, 4)
• Gingiva und Mukosa: Schwellung
und Rötung
• Zunge: Beläge, Farbe weißlich
• Speichel: Menge, Konsistenz – Norm; Auf Grund der erhöhten PGU wird ein Parodontalstatus erhoben (Abb. 5).

Diagnose: generalisierte Parodontitis
Stadium I, Grad B, derzeit instabil
Behandlungsplan
• Basistherapie bzw. subgingivales
Debridement in zwei Sitzungen
• Mundhygienekontrolle nach vier
Wochen
• Reevaluation nach acht Wochen

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Behandlungsverlauf ab der Reevaluation
04.08.21 Reevaluation: (API: 57%, PBI:20%), globale supra- und selektive subgingivale Reinigen der verbliebenen erhöhten ST

17.09.21 Kontrolle der zuletzt er höhten ST (API: 30%, PBI:0%), weiterhin erhöht: 16: ST: 6 mm, 17: ST 6mm; globale supra- und selektive subgingivale Nachreinigen mit Schall und HI, neuerliche Mundhygieneinstruktionen

11.10.21 Recall/UPT (API:25%, PBI: 0%) 16: ST 4mm, 17: distal 6mm (Z.n. Extraktion 18)
Recallintervall: alle drei Monate (Jährliches Erheben eines Parodontalstatus)

UPT/Recall 14.04.2026
Der Patient wird beschwerdefrei im Rahmen des regelmäßigen Recalls an die SFU Zahnklinik vorstellig. Aktuell befindet sich der Patient in einer KFO-Behandlung mittels Alignern.
Erhebung der Mundhygiene Indizes:
API 66%
PBI 20%
Neuerliche Mundhygieneinstruktionen wurden erteilt. Auf Basis des letzten Parodontalstatus wurden kritische ST nachgemessen.
24:
db: 5; b: 3; mb: 3
25:
db: 4; b: 3; mb: 4
26:
db: 4; b: 3; mb: 3
dp: 4; p: 3; mp: 2

Bedeutung in der Praxis

1. Erhöhte Aufmerksamkeit bei Anamnese
Patienten mit bekannten CED haben ein erhöhtes Risiko für Parodontitis und oft schwerere Verläufe. Deshalb sollte gezielt nach gastrointestinalen Erkrankungen gefragt werden. Umgekehrt kann eine therapierefraktäre oder ungewöhnlich ausgeprägte Parodontitis ein Hin
weis auf eine systemische Erkrankung sein.

2. Früherkennung und engmaschige Kontrolle
Bei CED-Patienten sind häufigere parodontale Screenings (z.B. PGU) sinnvoll. Ziel ist es, frühzeitig entzündliche Veränderungen zu erkennen und somit die Progression einer möglichen parodontalen Erkrankung zu verhindern.

3. Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Die Abstimmung mit Gastroenterologen ist wichtig, insbesondere bei aktiver Erkrankung oder immunsuppressiver Therapie (z. B. Biologika gegen TNF-a). Entzündungsaktivität im Darm kann die parodontale Therapie beeinflussen – und umgekehrt.

4. Konsequente Parodontaltherapie
Eine effektive Behandlung der Parodontitis kann nicht nur die orale Situation verbessern, sondern möglicherweise auch die systemische Entzündungslast senken. Professionelle
Mundhygiene, subgingivale Instrumentierung und unterstützende Parodontitistherapie (UPT) sind zentral.

5. Mikrobiom und Mundhygiene
im Fokus Da orale Pathogene potenziell den Darm beeinflussen können, ist eine optimale Plaquekontrolle essenziell. Patienten sollten besonders gut in struiert und motiviert werden (individuelle Mundhygienekonzepte).

6. Berücksichtigung von Medikation und Allgemeinzustand

CED-Patienten nehmen häufig Im munsuppressiva oder Kortikosteroide ein → erhöhtes Infektionsrisiko, verzögerte Wundheilung. Das beeinflusst zahnärztliche Eingriffe und
erfordert ggf. Anpassungen im Behandlungsplan.

7. Aufklärung der Patienten Patienten sollten darüber informiert werden, dass ein Zusammenhang zwischen Mund- und Darmgesundheit besteht. Das erhöht die Compliance und das Verständnis für regelmäßige Nachsorge.

Dr.med.dent. Anna Riener,
Abteilung für Parodontologie,
Zahnklinik der Sigmund Freud Privatuniversität,
Freudplatz 3, 1020 Wien