Fallbericht ? Teil 2: Prothetische Rehabilitation bei Teilbezahnung

Der 2. Fall unserer neuen Serie: Zunächst stellen wir Ihnen die Ausgangssituation vor und laden Sie dazu ein, ganz entspannt darüber nachzudenken, wie Sie diese Patienten behandelt hätten.

Auf Seite 14 lüften wir dann das Rätsel und zeigen Ihnen, wie die Innsbrucker Klinik diesen Fall gelöst hat.
Ausgangssituation:
Die 70-jährige Patientin wünschte in erster Linie eine Sanierung ihrer Oberkieferzähne beziehungsweise eine prothetische Versorgung im Oberkiefer. Der Röntgen-Einzelbildstatus (Abb. 1) sowie die angefertigten Modelle (Abb. 2a und b, Abb. 3a bis c) dokumentieren die Ausgangslage: Im Oberkiefer waren die Zähne 15 (endodontisch behandelt und mit einer gegossenen Wurzelkappe versehen), 13 bis 23 (mit multiplen Füllungen und z.T. ausgedehnten kariösen Läsionen) und Zahn 25 (wurzelbehandelt, mit einem konfektionierten Stift und einer Kunststoffkrone versorgt) vorhanden, im Unterkiefer die Zähne 31, 32, 34 (mit VMK), 41, 43, 44, 45 (mit VMK), die z.T. insuffiziente Füllungen aufwiesen. Eine Teilprothese ersetzte die fehlenden Unterkieferzähne.
Der zweitgradig gelockerte, protrudierte Zahn 21 störte die Patientin am meisten. Die restlichen Zähne waren erstgradig gelockert oder fest, alle nicht endodontisch vorbehandelten Zähne reagierten im Kältetest positiv. Wie würden Sie behandeln?

Abb. 1: Röntgen-Einzelbildstatus zu Behandlungsbeginn
Abb. 2a-b: Ober- und Unterkiefer-Situationsmodell
Abb. 3a-c: Die im Artikulator montierten Studiomodelle dienen zur Planung

Klinische Fälle ? State of the art

Durchgeführte Behandlung:
Zunächst wurde am einartikulierten Oberkiefermodell der nicht zu erhaltende Zahn 21 radiert und in günstigerer Position aufgewachst. Auch die Zähne 14, 15 und 24 wurden im Sinne eines Wax-ups am Modell ergänzt, ein Silikonschlüssel für die Anfertigung von Provisorien wurde vorbereitet. Da nicht alle prospektiven Pfeilerzähne als „sicher" eingestuft werden konnten, wurde eine abnehmbare Versorgung im Sinne der Doppelkronentechnik geplant, die auch nach dem möglichen Verlust eines Pfeilers weiter in Funktion sein würde.
Nach einer Mundhygiene-Instruktion und einer professionellen Zahnreinigung wurden in mehreren Sitzungen nach endodontischer Behandlung des Zahns 11 und Extraktion des Zahns 21 sowie Entfernung der Krone und des Stiftes bei Zahn 25 die Zähne 13, 12, 11, 22, 23 und 25 mit Stufe und zirkulärer Abschrägung für Kronen präpariert und unter Belassung der Wurzelkappe bei Zahn 15 abgeformt. Nach einer Bissnahme wurde ein Provisorium 15 bis 24 chairside angefertigt und eingesetzt (Abb. 4a und b). Der ausgeschachtete Zahn 25 wurde mit einem Glasionomerzement provisorisch verschlossen. Im Unterkiefer wurde, da die Patientin zunächst keine neue Prothese wünschte, nur eine Füllungstherapie nach Entfernung kariöser Läsionen bzw. insuffizienter Füllungen durchgeführt. Am einartikulierten Oberkiefer-Silbermodell wurden nun in der Technik gegossene, gefräste Primärkronen mit einem Konizitätswinkel von 2 Grad (Abb. 5a), Galvano-Sekundärkronen (Abb. 5b) und ein gegossenes Tertiärgerüst aus einer Kobalt-Chrom-Legierung (Abb. 5c) hergestellt, wobei sich der Techniker hinsichtlich des Platzangebots am Wax-up orientierte. Bei Zahn 24 wurde die Primärkrone als Stiftkrone ausgeführt (Abb. 6). Nach der Einprobe und dem definitiven Einsetzen der Primärkronen mit einem Zinkoxid-Phosphat-Zement (Abb. 7) wurden ad modum Weigl die Galvanokäppchen auf die Primärkronen aufgesteckt und im Mund mit einem Kunststoffzement mit dem Tertiärgerüst verklebt (Abb. 8), um einen einwandfreien Sitz der künftigen Prothese sicherzustellen. Noch mit dem verklebten Gerüst in situ erfolgte eine Bissregistrierung (Abb. 9) sowie eine Überabformung mit einer Silikonmasse (Abb. 10) für die Anfertigung eines Meistermodells. Das zuvor nach Ausschleifen am Modell an die Primärkronen angepasste Provisorium wurde wieder eingesetzt.
Nach einer Wachsprobe wurde die gaumenfreie Prothese (Abb. 11) fertiggestellt und eingegliedert (Abb. 12a und b), die Patientin kam damit gut zurecht.
Im Unterkiefer wurden eine halbes Jahr später die in Gingivaniveau frakturierten Klammerzähne 34 und 45 extrahiert, die Patientin erhielt eine neue Modellgussprothese.
Die Prothesen sind sechs Jahre später nach wie vor in Gebrauch (Abb. 13), Abb. 14 zeigt das zugehörige Orthopantomogramm.

Herzlichen Dank an Herrn ZTM Günther Rechfeld!


DDr. Dagmar Schnabl
Department Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Universitätsklinik für Zahnersatz und Zahnerhaltung,
Anichstraße 35, A-6020 Innsbruck, Tel.: +43 (0)512 504 27141,
Fax: +43 (0) 512 504 27157,
E-Mail: dagmar.schnabl@uki.at   

Abb. 4a: Das Oberkiefer-Provisorium
Abb. 4b:
Abb. 5a: Das Arbeitsmodell mit den Primärkronen,
Abb. 5b: den aufgesteckten Galvanokäppchen
Abb. 5c: und dem Tertiärgerüst
Abb. 6: Die konische Primärkrone mit Stift für Zahn 24 und die zugehörige Galvano-Sekundärkrone
Abb. 7: Die eingesetzten Primärkronen
Abb. 8: Das im Mund mit den Galvanokäppchen verklebte Tertiärgerüst
Abb. 9: Bissregulierung
Abb. 10: Der Silikonabdruck enthält das mit den Galvanokäppchen verklebte Tertiärgerüst
Abb. 11: Die fertiggestellte Galvanoprothese
Abb. 12a: Die Oberkieferprothese kurz nach dem Einsetzen
Abb. 12b: ebenso
Abb. 13: Nach sechs Jahren Tragedauer
Abb. 14: Orthopantomogramm sechs Jahre nach dem Einsetzen der Primärkronen