Innsbruck - Derzeit zu wenig Behandlungsplätze für die Studierenden

Seit fast 20 Jahren leitet Prof. DDr. Ingrid Grunert die Innsbrucker Klinik für Zahnersatz und Zahnerhaltung. ZMT sprach mit ihr über Forschung, Lehre und Praxis.

Was tut sich im Bereich der Lehre?

GRUNERT: Die rasante Entwicklung in der Zahnheilkunde wirkt sich natürlich auch auf die zahnärztliche Ausbildung aus. So haben in den letzten Jahren verschiedenste neue zahnärztliche Techniken Eingang in das Studium gefunden. Im Besonderen ist hier die Einführung digitaler Verfahren in der Patientenbehandlung zu nennen. Wir haben allerdings in Innsbruck aktuell ein großes Problem. Derzeit sind zu viele Studierende im klinischen Abschnitt, das heißt vom 7. bis 12. Semester. Ausgelegt ist die Zahnklinik auf 25 Studierende pro Jahr, jetzt haben wir ca. 40 pro Jahr bei gleichen personellen und räumlichen Ressourcen. Die höheren Studentenzahlen sind durch den Wegfall der Überprüfung manueller Fertigkeiten am Übergang vom 5. zum 6. Semester und eine geringere Dropout-Rate bedingt. Wir haben derzeit über 100 Studierende zwischen 7. und 12. Semester in klinischer Ausbildung. Dabei sollen es noch mehr Studierende werden. Die Aufrechterhaltung einer qualitativ hochwertigen praktischen Ausbildung, für die Innsbruck ja bekannt war, ist derzeit nicht mehr möglich. Sechs Studenten/Studentinnen müssen sich einen Behandlungsstuhl teilen, das bedeutet ca. sechs Stunden Behandlungszeit pro Student/Woche. Der zuständige Vizerektor in Innsbruck hat für diese Probleme leider kein Verständnis. Da zusätzliche Behandlungsplätze nicht sofort verfügbar sind, ist derzeit aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit eine ausreichende praktische Erfahrung im Studium zu erwerben, einen Teil der praktischen Ausbildung im Zuge des 72-wöchigen Praktikums in Lehrpraxen zu verlagern.

Findet wieder ein Universitätslehrgang „Craniomandibuläre und muskuloskelettale Medizin“ statt?

GRUNERT: Wir haben den zweiten Kurs (Masterstudium) erfolgreich zu Ende gebracht. Derzeit werden Vorarbeiten zu einem eventuellen dritten Kurs durchgeführt.

Welche Neuigkeiten gibt es in der Wissenschaft?

GRUNERT: Wir haben eine sehr aktive Arbeitsgruppe, die sich mit CAD/CAM-gefertigten Prothesen beschäftigt. Es wurden verschiedene Systeme getestet, in-vitro und klinisch. Die Passform der gefrästen Prothesenbasen ist einfach viel besser, da die Polymerisationsschrumpfung mit Verzug der Kunststoffbasis wegfällt. Auch bei nicht perfektem Funktionsabdruck finden wir durch die hohe Saughaftung einen besseren Sitz der Prothese. Dies gilt auch für den stark atrophen Unterkiefer. Was die Monomere betrifft, waren wir etwas enttäuscht, hier fanden sich zwischen den CAD/CAM-gefertigten und konventionellen Prothesen (Heißpolymerisat) kaum Unterschiede. Generell gibt es aber zwischen den verschiedenen CAD/CAM-Systemen große Unterschiede. Letztes Jahr hat sich Frau Doz. DDr. Patricia Steinmassl als Leiterin der CAD/CAM-Forschungsgruppe zu diesen Themen habilitiert. Wissenschaftlich sehr aktiv ist auch Frau Doz. Dr. Ines Kapferer-Seebacher, die sich intensiv mit seltenen Erkrankungen und Genetik beschäftigt.

Was gibt es im Bereich der Gerostomatologie Neues?

GRUNERT: Das Pilotprojekt zur Verbesserung der Mundgesundheit in zwei Pflegeheimen war sehr erfolgreich. Die Gebietskrankenkasse hat die Notwendigkeit erkannt, das Projekt auf eine breitere Basis zu stellen und möchte es in Tirol immer weiter implementieren. Wir halten derzeit bei fünf Heimen, jedes Jahr sollen weitere dazukommen. Allerdings haben wir bisher nicht sehr viele niedergelassene Zahnärzte/-ärztinnen gefunden, die bei diesen Projekt mitmachen. Die wichtigste Basisempfehlung lautet heute, dass Pflegeheimbewohner ihre Prothesen in der Nacht nicht tragen sollten. Dadurch wird das Pneumonierisiko verringert.

Herzlichen Dank für das Interview!

Dr. PETER WALLNER
Umweltmediziner und
Medizinjournalist
peter.wallner4@gmail.com

Prof. DDr. Ingrid Grunert
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