Pflege im Alter: Mundpflege in der letzten Lebensphase

Die deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin veröffentlicht seit 2002 immer wieder Leitlinien für ausgewählte Bereiche der pflegerischen Palliativmedizin. Nun hat sie sich auch mit der Zahnpflege beschäftigt. Wir bringen einen Auszug.

Die Mundpflege ist bei schwerstkranken und sterbenden Menschen ein wesentlicher Bestandteil zur Erhaltung und Wiederherstellung des Wohlbefindens und stellt somit einen Beitrag zur Lebensqualität dar. Menschen, die sich in der letzten Lebensphase befinden, erhalten häufig Opioide, Chemo- oder Strahlentherapie, Antidepressiva oder Neuroleptika. Die Folge dieser therapeutischen Maßnahmen ist oftmals eine schlechte Mundhygiene, die zu pathologischen Veränderungen wie z.B. Soor oder anderen Infektionen führen kann. Um die Lebensqualität des Patienten in der letzten Lebensphase zu verbessern, wird ein Grundsatz von Pflegenden eingehalten: Es wird niemals gegen den Willen des Patienten gehandelt. Somit versteht sich die Mundpflege in dieser Pflegeleitlinie nicht als notwendige Verrichtung!  Der Patient soll seinen Mund – auch unter extremen Umständen – positiv erfahren können. Hierzu ist eine aktivierende und positiv stimulierende Mundpflege, welche die Ressourcen und Gewohnheiten des Patienten mit den pflegerisch-therapeutischen Maßnahmen der Pflegenden vereint, notwendig.

Ziele zur Optimierung der Mundpflege

Der Patient
• fühlt sich mit den Problemen bezüglich der Mundpflege wahr- und ernstgenommen
• verbindet mit der Mundpflege ein angenehmes Gefühl
• verbindet die Mundpflege mit einer Linderung von Beschwerden
• nimmt den eigenen Mund und die dazugehörige Pflege als positiv wahr
• behält, soweit möglich, die autonome Entscheidungsfähigkeit über den Intimbereich Mund
• fühlt sich sicher und führt auf Wunsch die Mundpflege mit Unterstützung der eigenen Fähigkeiten entsprechend durch (Kern 2009)
• behält möglichst die vertrauten Mundpflegegewohnheiten bei.
Assessment:
Ein Assessment zur Beurteilung der Mundhöhle ist erforderlich, um weitere Maßnahmen, Strategien und Ziele zu erarbeiten. Hierbei steht der Wille des Patienten im Vordergrund. Eine Inspektion der Mundhöhle darf niemals gegen seinen Willen erfolgen und wird der individuellen Situation angemessen durchgeführt.

Speichel: Normalzustand: wässrig klar, pH 6,8 bis 7,4
• Ist der Speichel wässrig, fließt er?
• Ist der Speichel zäh, fließt er nicht?
• Kein Speichel: der Zungenspatel bleibt trocken

Lippen: Normalzustand: weich, sanft, glatt und feucht
Zahnfleisch: Normalzustand: rosa, weich
Zunge: Normalzustand: rosa, leicht rau, feucht
Schleimhäute im Bereich der Wangen und der Mundhöhle: Normalzustand: rosa, weich, feucht
Zähne: fest sitzend
• Belag vorhanden?
• allgemeiner Zahnstatus?

Bei der Inspektion des Mundraumes ist auf Blutungen, Verletzungen und Ulcera sowie auf lockere Zähne zu achten, um zusätzliche Verletzungen zu vermeiden.

Maßnahmen zur Optimierung der Mundpflege

Allgemeine Anamnese:
• Welche persönlichen Gewohnheiten hat der Patient in Bezug auf die Mundhygiene?
• Verträgt der Patient bestimmte Nahrungs-/Pflegemittel oder Medikamente im Mundbereich nicht?
• Welche Pflegehilfsmittel benutzt sie/er (Mundwasser, Munddusche, elektrische oder normale Zahnbürste, Zahnpasta, usw.)?
• Welche Geschmacksrichtung wird bevorzugt?
• Inspektion der Mundhöhle (siehe Assessment).
• Kann der Patient riechen?
• Reagiert die Patientin/der Patient mit einem Beißreflex?
• Existieren Schluckstörungen und wenn ja, welche?
• Welche Erkrankungen/Probleme bestehen bei der Patientin/dem Patienten in Bezug zur Mundhöhle (Mundtrockenheit, Mundgeruch, schmerzhafter Mund, Soorinfek-
tion, Borkenbildung und Aphten)?

Befeuchtung der Mundschleimhaut:
Ursachen: Dehydratation, Fieber, Infektionen, Medikamente wie Opioide, Antidepressiva, Neuroleptika, Diuretika, offene Mundatmung
• Gefrorene, kleine Früchte oder Getränke in den Mund geben (z. B. Ananas, Cola).
• Rote Tees als Mundpflegelösung (Säuregehalt kann zu Magenbeschwerden führen)
• Fruchtbonbons (Zitrone) und Kaugummi (Minze)
• Aromalampen mit Zitronendüften (Rücksprache mit Aromatherapeuten)
• Patienten dazu anleiten, den Mundraum mit der eigenen Zunge zu massieren
• Patienten dazu anleiten, Ohr- und Unterzungenspeicheldrüse selbst zu massieren
Mund häufig befeuchten mit:
• Wasser, Kaffee, Sekt, Bier, etc. (mithilfe einer Sprühflasche)
• Butter, Sahne, Olivenöl
• therapeutische Kräuteröle
• Mundpflegelösungen
• Mundbalsam

Mundgeruch
Ursachen: Tumore, Entzündungen, Veränderungen der Atemwege
• regelmäßige Mundhygiene
• Spülungen mit antiseptischen Lösungen
• Chlorophyll-Dragees oder -Tropfen
• Spülungen mit Salbeitee (Kränzle 2011: 232)
• Mundspülungen mit lokal wirksamen, antibakteriellen Lösungen
• gegebenenfals systemische antibiotische Behandlung

Ablösung von Borken und Belägen
Ursachen: Mundatmung, Flüssigkeitsmangel, trockene Raumluft, Entzündungen der Mundschleimhaut
• weiche Zahnbürste mit Wasser und Zahnpasta.
• Sahne, Olivenöl, Butter
• Pflege-Öl mehrmals täglich einige Tropfen unverdünnt auf die belegten Stellen auftragen
• Vitaminbrausetabletten, Brausepulver (Schaum löst Borken und Beläge)
• Rosenhonig (weicht Borken und Beläge auf)
• Kauen harter Brotrinde oder fetter Wurst (z.B. Salami)

Maßnahmen bei
entzündlichen Prozessen und Soor im Mundraum
Ursachen: Immunschwäche durch Chemo- oder Radiotherapie, Tumore im Mund-Rachen-Raum, Bläschen und Aphthenbildung, Mukositis
• Salbeitee als Spülung oder zum Auswischen
• Helagoöl®, Rhatania-Tinktur, Sanddornfruchtfleischöl
• Bombastus-Mundwasser (besonders wirksam bei Soorinfektionen)
• Mundpflegelösungen mit Panthenol, Salviathymol® oder Kamillenextrakten

Maßnahmen bei
schmerzhaftem Mund
Ursachen: entzündliche Prozesse, Tumorwachstum im Mund-Rachen-Bereich, Bläschen und Aphthenbildung, Mukositis
• anästhesierende Gels oder Lutschtabletten (z.B. Dynexan-Gel®, Subcutin®-Lösung, Zahnerol N®)
• Xylocain-Gel/-Spray (De Conno et. al. 2005: 676)
• Eisstückchen lutschen
• saure Lösungen meiden (Kränzle 2011: 231–232)
• Reisschleim zur Behandlung schmerzhafter Prozesse in Rachen und Speiseröhre
• 30ml Xylocain 4% (Lokalanästhetikum)
• 8mg Fortecortin (Cortison)
• 300ml Reisschleim (aus Milch und Reisflocken)
• evtl. systemische Schmerztherapie (De Conno et. al. 2005: 676)

Maßnahmen bei Blutungen
Ursachen: Thrombozytopenie, Tumore im Mund-Rachen-Bereich
• Zahnbürste und Zahnseide vermeiden
• sanfte Spülungen mit Salbe, Ringelblumen- oder Kamillentee (adstringierend)
• Eiswürfel lutschen
• Lösung aus Backpulver und Wasser sanft mit Kompressen oder Tupfer auftragen (De Conno et.al. 2005: 678)
• Blutungen mit Weißwein betupfen (die Säure des Weines bringt die Blutung zum Stillstand) (Kränzle 2011:231)

An- und Zugehörigenedukation
Die An- und Zugehörigen
• sollen über die Vorteile einer guten Mundpflege aufgeklärt sein
• erkennen den Wert ihres Handelns in Bezug auf das Wohlbefinden des Patienten
• erklären den Pflegenden die gewohnte Mundhygiene des Patienten
• wählen die geeigneten Maßnahmen mit der Unterstützung der Pflegenden aus
• lernen, den Patienten in seinen Fähigkeiten entsprechend zu unterstützen, sofern dies gewünscht ist
• führen eine Anamnese in Bezug auf basal-stimulierende Mundpflege durch (siehe allgemeine Anamnese)
• werden zu basal-stimulierender Mundpflege inspiriert und angeleitet
• lernen die Mundpflege so durchzuführen, wie es von dem Patienten gewünscht wird
• lernen, mit ablehnendem Verhalten der Patientin/dem Patienten umzugehen.

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