Kinder, Schnuller, MIH - Kinderzahnheilkunde in Wien

ZMT führte mit Prof. Dr. Katrin Bekes, die seit April 2015 den Fachbereich „Kinderzahnheilkunde“ der Univ.-Zahnklinik Wien leitet, das folgende Interview.

Wie sieht Ihr Rückblick auf die letzten zwei Jahre aus?

BEKES: In den ersten beiden Jahren meiner Tätigkeit als Leiterin des neuen Fachbereichs „Kinderzahnheilkunde“ an der Med. Universität Wien konnten wir die bestehenden organisatorischen und klinischen Strukturen in den drei universitären Bereichen Krankenversorgung, Lehre und Forschung kontinuierlich und kompetent weiterentwickeln. Dieser Fortschritt war nur deshalb möglich, weil mir von Beginn an ein Team an engagierten Mitarbeitern zur Seite stand. Derzeit arbeiten fünf Ärztinnen (meist in Teilzeit) im Fachbereich. Sie werden von fünf Assistentinnen unterstützt. Gemeinschaftlich haben wir in den zwei Jahren die großen Herausforderungen nicht nur erfolgreich bewältigt, sondern die Basis für eine weitere innovative Gestaltung des Fachbereichs Kinderzahnheilkunde gelegt.

Welche Pläne konnten Sie bereits umsetzen?

BEKES: Im Bereich der Krankenversorgung vertreten wir das gesamte Spektrum der modernen Kinderzahnheilkunde und bieten eine spezialisierte zahnärztliche Betreuung ambulant und neuerdings in Narkose an. Ein Kompetenzzentrum für Patienten mit Mineralisationsstörungen im Milch- und bleibenden Gebiss wurde jüngst implementiert. Auf dem Gebiet der Lehre konnten wir in kooperativer Form ein Curriculum im Bereich der klinischen Kinderzahnheilkunde entwickeln, und in der Forschung haben wir mittlerweile einen Schwerpunkt der Lebensqualitäts- und der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisations (MIH)-Forschung etablieren können.

Könnten Sie bitte die MIHProblematik kurz darstellen?

BEKES: Der Begriff MIH beschreibt einen qualitativen Schmelzdefekt, bei welchem ein verringert mineralisierter, anorganischer Schmelzanteil zu Verfärbungen und Schmelzabbrüchen bei den betroffenen Zähnen führen kann. Klassischerweise wurde das Krankheitsbild für die ersten bleibenden Molaren und die Inzisiven definiert. Die Ausprägung und die daraus resultierende Problematik können stark differieren. Insbesondere die Molaren neigen häufig zu Hypersensibilitäten. Das Krankheitsbild tritt bei Kindern weltweit auf, wobei die Angaben in der Literatur zur Prävalenz schwanken. In Österreich leiden im Durchschnitt 4–14% an MIH. In Deutschland sind es nach der aktuellen DMS-V-Studie sogar 28,7%, die eine begrenzte Opazität aufweisen. Damit ist die Erkrankung inzwischen weiter verbreitet als die Karies.

Was gibt es Neues zum Thema „Schnuller und Okklusion“?

BEKES: An der Universitätszahnklinik Jena wurde kürzlich eine randomisierte, kontrollierte Langzeitstudie durchgeführt, die die Auswirkungen eines Schnullers mit besonders dünnem Saugerhals auf die Okklusion im Milchgebiss untersuchte. In die Studie wurden Kinder im Alter von 16 bis 24 Monaten eingeschlossen, die per Zufall in drei Studiengruppen aufgeteilt wurden. Studiengruppe 1 erhielt einen Schnuller mit dünnem Saughals, Gruppe 2 verwendete weiter den konventionellen Schnuller und Gruppe 3 wurde während des Untersuchungszeitraums von zwölf Monaten vom Schnuller entwöhnt. In den Ergebnissen zeigte sich, dass der getestete Sauger mit dünnem Hals im Vergleich zu herkömmlichen Schnullern die besseren Messergebnisse in Bezug auf Überbiss und frontal offenen Biss erzielte. Die vollständige Schnullerentwöhnung schnitt insgesamt am besten ab. Bezogen auf den horizontalen Überbiss erwies sich der getestete Sauger als ebenso wirkungsvoll wie die vollständige Entwöhnung.

Wie sehen Ihre Erfahrungen mit argininhaltiger Zahnpasta aus?

BEKES: Wir konnten kürzlich eine klinische Studie abschließen, die einen neuen Ansatz bei der Behandlung der Hypersensibilitäten von MIH darstellen könnte. Das Ziel war es, die Effektivität eines auf 8% Arginin und Kalizumkarbonat basierenden Produkts über einen Zeitraum von acht Wochen bei Kindern mit hypersensiblen MIH-Zähnen zu testen. In den Ergebnissen zeigte sich, dass unmittelbar nach der Behandlung eine signifikante Reduktion der Überempfindlichkeit erreicht werden konnte und dass dieser Effekt über die acht Wochen hinweg stabil blieb.

Was ist am Fachbereich für die nähere Zukunft geplant?

BEKES: Es ist unser nächstes Ziel, im Bereich der Krankenversorgung auch die Behandlung unter Lachgas-Sedierung anzubieten.

Gibt es noch einen Punkt, der Ihnen besonders wichtig ist?

BEKES: Die Wichtigkeit der Zahngesundheitsförderung und die Prävention oraler Erkrankungen muss im Mittelpunkt der zahnärztlichen Therapie, der Curricula des Zahnmedizinstudiums und der Forschung stehen. Mit dem sich im Aufbau befindenden Fachbereich möchten wir dazu beitragen und Impulse geben.

Herzlichen Dank für das Interview!

Dr. PETER WALLNER
Umweltmediziner und
Medizinjournalist
peter.wallner4@gmail.com

Prof. Dr. Katrin Bekes
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