Ursachensuche - Schmerzbekämpfung aus Sicht der Komplementärmedizin

Prinzipiell ist Schmerz ein Warnsignal. Die richtige Reaktion wäre also die Suche nach der Ursachen und eine Therapie derselben.

Bei chronischen Schmerzen kommen Patienten oft nach langem Leidensweg und mit Schmerz- und Schlafmitteln versehen zur Komplementärmedizin. Die große Herausforderung ist es, durch Anamnese und Biotestverfahren herauszufinden, was den Schmerz auslöst.
Chronische Entzündungen, oft weit weg vom Schmerzbereich, sind eine Hauptursache. Aus unserem Fachgebiet kommen beherdete Zähne und Ostitis nach Zahnentfernung infrage, Heilung bringt meist nur die zahnärztlich-chirurgische Sanierung. In einigen Fällen ist diese allerdings riskant, z.B. bei mehreren Voroperationen und der Nahebeziehung zu wichtigen Nerven – dann lohnen sich oft Versuche mit Homöopathie (v.a. Schlangengiften) und Neuraltherapie (besonders mit Sanum-Präparaten). Dabei müssen wir zuerst die Schmerzen reduzieren und dann erst die Schmerzmittel ausschleichen – ein mühsamer Prozess, weil wir ja versuchen, eine chronische Entzündung zumindest subakut und auf diese Weise für die Abwehr wieder angreifbar zu machen.
Chronischer Gebrauch von Schmerzmitteln kann von sich aus Schmerz hervorrufen – das ist bei Kopfschmerz nicht selten. Die Patienten kommen dann nicht mehr ohne Hilfe von den Mitteln weg und diese schädigen den Körper, besonders die Nieren. Mit orthomolekularen Mitteln können wir den Verlauf einer Entzündung beeinflussen. Öle wie Leinöl, Fischöl oder Nachtkerze regulieren Entzündungen, Mineralstoffe stärken die Abwehr und fördern die Heilung. Auch Anti-oxidantien können helfen, z.B. Vitamin E. Bei Nervbeteiligung helfen B-Vitamine.
Ein wichtiger Punkt ist die Minderung von Schwellungen und die Ausleitung von Giftstoffen. Das geht mit verschiedenen Phytotherapeutika. Für uns Zahnärzte sind Lymphtropfen besonders praktisch, z.B. Lymphdiaral, 3x15 Tr. (Mischung tiefpotenzierter Homöopathika). Den Lymphabfluss im Kopfbereich stimuliert man durch Massage entlang des Schlüsselbeines.
Muskelverspannungen können ebenfalls Schmerzen auslösen oder zum Anhalten der Beschwerden führen. Sie verändern auch die Durchblutung. Hier helfen Physiotherapie, Gymnastik, Magnesium oder das Schüßlersalz Magnesium phosphoricum.
Bei Schmerzen durch Abnützung (Gelenke, Halswirbel) lohnt sich ein Versuch mit Glucosaminsulfat oder MSM zur Regeneration der Knorpelsubstanz. Das Durchbrechen der Schmerzspirale ist ein langwieriger Prozess, zieht sich meist über Monate, und es gibt zwischendurch immer wieder Rückschläge.

Der akute Schmerz

Ganz anders zu sehen ist der akute, heftige Schmerz. Selbstverständlich steht bei uns die zahnärztliche Therapie im Vordergrund, die ja im Regelfall den Schmerz rasch beseitigen kann. Begleitend kann allerdings eine Schmerztherapie nötig sein, und da sollten wir nicht zögern, für ein paar Tage konventionelle Mittel einzusetzen. Schmerzen hinterlassen Spuren im Gehirn.
Durch Schmerz werden inhibitorische GABA-erge Interneurone gehemmt oder gehen durch Noxen zugrunde. Dadurch verändert sich die Balance von Erregung und Hemmung. Die zentrale Erregung nimmt zu, die deszendierende Inhibition nimmt ab. Das dysfunktionelle Nervensystem verarbeitet den Schmerz nicht mehr und es kommt zu peripherer Sensitivierung.
Rezeptoren und Enzymaktivität verändern sich. Es entstehen neue Na-Kanäle, sodass bei niedriger mechanischer Stimulierung bereits hohe Frequenzen entstehen. Starke Noxen können auch direkt Neurone zerstören, das ist etwa bei Herpes Zoster der Fall – in diesem Fall ist unbedingt eine starke antivirale Therapie zusätzlich nötig!
Mit einem funktionellen MRT und Liganden-PET-Technik können die neurochemischen Veränderungen dargestellt werden. Die praktische Folge ist ein verändertes Schmerzempfinden mit Überreaktion auf Berührung, Temperatur etc. Die Stabilität dieser absteigenden Hemmung hängt mit der Genetik zusammen. Bei Patienten mit Fibromyalgie ist diese Hemmung schwach ausgeprägt. Bei Neuropathien werden daher heute Mittel eingesetzt, die diese Hemmung wieder verstärken, z.B. Gabapentin oder Duloxetin (selektiver Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer).
In Zukunft wird wahrscheinlich ein Sensibilitätsprofil erstellbar sein, das spezifisch gegen den vorliegenden Schmerzmechanismus hilft. Peripher gibt es bereits Pflaster etwa mit Capsicain oder Menthol – z.B. bei brennendem Schmerz. Ein weiterer Ansatz ist die Auswahl der Schmerzmittel anhand des Genpolymorphismus – ob z.B. NSAR, Tramal oder Antidepressiva sinn voll sind. (Vortrag des experimentellen Schmerzforschers Prof. Thomas R. Tölle bei der FMD-Skiwoche 2017 in Seefeld).

Die Konsequenzen für uns:
• Bei unvorhergesehenen Schmerzen nicht mit Schmerzmittel sparen.
• Der kurzfristige Einsatz von Schmerzmitteln ist unbedenklich – abzuklären sind natürlich Unverträglichkeiten. Mögliche Nebenwirkung Gastritis.
• Bei längeren Arbeiten oder chirurgischen Interventionen sollte ein Schmerzmittel verordnet werden, das der Patient bei Bedarf verwenden kann. Oft hilft schon das Bewusstsein, dass Hilfe jederzeit möglich ist.

Sinnvoll ist auch Schmerzprophylaxe: Bereits vor einem großen Beschliff oder einer Operation kann man Arnika D30 (5 Tr. oder Glob.) verabreichen – wirkt gegen Traumen aller Art. Danach helfen abschwellende und kühlende Maßnahmen (Lymphmittel, Cool-Pack, ab dem nächsten Tag ev. Öffnungsübungen).
Bei Nervbeteiligung: Hypericum D30, 1–2x tgl. für etwa eine Woche. Bei mechanischer Nervtraumatisierung (durch Anästhesie, Überinstrumentierung bei Wurzelbehandlung, Chirurgie) muss jede Schwellung unterbunden werden. In diesem Fall ist eine einmalige oder kurzfristige Cortisongabe sinnvoll – Cortison wird als körpereigener Stoff problemlos abgebaut und ist als  Stoßtherapie daher unbedenklich.

MR Dr. EVA-MARIA HÖLLER
Zahnärztin und Kieferorthopädin in Wien
Schwerpunkt:
Komplementärverfahren
Gerichtlich beeidete Sachverständige mit Zusatzbezeichnungen
Kieferorthopädie und Komplementärverfahren
ordi.hoeller@aon.at

 

Kombinationen funktionieren!
  •