Die Okklusion hat sich verändert

Eigentlich haben Sie nur eine Füllung gemacht, eine Einzelkrone, eine kleine Anhängerbrücke, aber der Patient kommt nicht damit zurecht und klagt, dass die neue Arbeit stört, die Zähne sind empfindlich, er kann nicht kauen, hat Kopfschmerzen...

Vor 30 Jahren haben die Patienten nach dem Legen, Füllen oder Einsetzen einer Krone spontan in der Habituellen zugebissen und sofort bemerkt, ob etwas stört. Außerdem war die Höhe nicht so kritisch: Amalgam konnten sie selbst zurechtbeißen, und auch Gold war wesentlich weicher als unsere heutigen Werkstoffe und zeigte bei den Kontrollen Schliffflächen. Die heutigen Composites und erst recht Keramik geben nicht nach, eher kommt es zu Abrasionen am Gegenzahn, zu Zahnlockerungen und -verschiebungen.

Die Patienten haben oft keinen eindeutigen Schlussbiss mehr, sondern mehrere Möglichkeiten, zuzubeißen. Der Körper reagiert normalerweise auf kleine Störungen mit Adaptation. Kleinste Fehlstellungen, etwa Zahnrotationen, die so gering sind, dass sie keine kieferorthopädische Korrektur erfordern, oder bereits etwas dickere Versiegelungen bedingen ein unbewusstes Ausweichen oder leichtes Abrutschen. Das führt zu unterschiedlicher Muskelbelastung mit Verspannungen und Hypertrophien. Manchmal kann man auch beobachten, dass eine bogen- oder hakenförmige Ausweichbewegung erfolgt, die den Patienten nicht bewusst ist. Manche haben aber schon bemerkt, dass sie auf mehrere Arten zubeißen können. Nachts kommt es häufig zum Wechsel zwischen den möglichen Positionen und damit zum Knirschen mit neuerlichen leichten Zahnverschiebungen - auch ohne merkliche Lockerung oder Parodontalschäden.

Bindegewebsschwäche, Stress, mangelnde Erholungsphasen und fehlende Ausgleichsbewegung verstärken Fehlfunktionen und bewirken, dass auch kleine Fehler nicht mehr toleriert werden. Wenn ein neuer Patient solch einen Bissfehler aufweist, denken Sie bitte daran, dass sich die Bisslage seit dem letzten Besuch bei Ihrem Vorgänger durchaus geändert haben kann - sowohl unbedachtes Korrigieren als auch jede weitere Arbeit kann zu einer ziemlichen Entgleisung der Okklusion führen.
Bei der nächsten zahnärztlichen Arbeit hängt nämlich viel davon ab, wie der Patient zubeißt.
Meist erfolgt der erste Biss in der Habituellen. Überprüft wird oft nur der Schlussbiss. Störfaktoren beim Seitschub oder beim Slide in die Gelenksposition (nicht forcierte Retrale) werden übersehen - auch weil Zahnarzt und Patient unter Zeitdruck stehen.

Gibt es wenige Belastungsfaktoren, kann der Organismus den neuen Bissfehler wiederum kompensieren. Er sucht sich neue Einflugschneisen und Knirschmuster. Diese sind nicht nur neue Gewohnheiten, sondern mit der Zeit kommt es zu neuen Bahnungen im Gehirn. Die Schieflage des Unterkiefers wird stärker, es kommt zu Adaptationen im Oberkiefer, Kiefergelenk und Kraniosakralsystem. Mitten in diesem System, in der Sella turcica, liegt die Hypophyse. Im Idealfall übertragen sich die Kaukräfte über die palatinale Wurzel der OK-6er, die Kraftvektoren treffen sich in der Sella und bewirken eine Freisetzung der Hypophysenhormone (Melken). Bei Mal-okklusion unterbleibt diese Anregung des Kraniosakralsystems, es kommt zu Blockaden der Schädelatmung und eventuell zu Hormonstörungen.

Kaumuskel ziehen plötzlich asymmetrisch, die Wirbelsäule kompensiert dies, es kann zu Kippungen der anderen Körperebenen kommen - Schultern, Becken, ja sogar das Fußgewölbe versuchen auszugleichen. Über Muskeln und Faszien ändert sich damit auch die Durchblutung innerer Organe. Im Wachstum kann ein Fehlbiss auch zu einer Skoliose führen.
Gar nicht selten finden Kinesiologen heraus, dass festes Zubeißen eine Reihe von Fehlfunktionen auslöst oder verstärkt. Der dazu befragte Zahnarzt ist oft überfordert: Die klinische Kontrolle oder die Überprüfung mit Blaupapier (am besten Hufeisenform) zeigt manchmal nichts. Die geführte Scharnierbewegung führt uns eventuell auf die richtige Spur. Viele Patienten sind allerdings so verspannt, dass eine solche Bewegung nur mit mäßiger Gewalt möglich ist, andere haben bereits zu lockere Gelenkskapseln oder Verquellungen im hinteren Kapselraum, sodass die richtige Gelenksposition nicht eindeutig oder gar nicht zu ermitteln ist.

Auch wenn es noch so verlockend ist, sollten wir daher nicht ohne Vortherapie einschleifen. Selbst unter Einhalten aller gnathologischen Einschleifregeln nach den tollsten Konzepten kann es passieren, dass man einen tatsächlich blockierenden Vorkontakt wegschleift, damit aber die Knirschfunktion wesentlich verschlimmert.

Natürlich gibt es Ausnahmen: Eine einzelne Füllung oder Krone, die erst seit ein paar Tagen oder Wochen stört, ist einfach zu finden und zu korrigieren. Die meisten Patienten haben aber seit Jahren bestehende Probleme und bereits mehrere zahnärztliche Restaurationen in immer stärker verschobenen Bisslagen bekommen. Ein Aufspüren der Fehler ist erst nach Wiederherstellung eines neuen Muskelgleichgewichtes möglich.

Die ideale Vorgehensweise wäre eine Vorbehandlung des stark verspannten Patienten mit Physiotherapie, Akupunktur oder TENS-Gerät, um eine einigermaßen gelenksbezogene Bissnahme zu ermöglichen. Bei guter Vorbehandlung sieht man schon bei der Artikulatormontage den Störfaktor, trotzdem kann sich hier mit zunehmender Entspannung noch viel ändern. Das Einschleifen der Schiene erfolgt über ca. vier bis sechs Monate in Monatsabständen. Sobald der Biss auf der Schiene stabil ist, sucht man den störenden Zahn. Der Fehler sollte mindestens einmal reproduzierbar sein.

Ich schleife gerne in kleinen Schritten ein. Die Patienten spüren meist eine spontane Verbesserung. Der Körper beginnt mit einer Adaptierung in der nunmehr richtigen Richtung - zu starke Korrekturen überfordern ihn. Nach Stabilisierung der Bisslage kann auch eine Planung für große Restaurierungen oder Kieferorthopädie erfolgen. Zusatzmaßnahmen wie medikamentöse Muskelentspannung, Darmsanierung, Allergietherapie oder Entgiftung erhöhen die Korrekturmöglichkeiten des Körpers und sind erwünscht.

Zahnärztliche Korrekturen und Schienentherapie sind allerdings unentbehrlich. Ohne diese halten auch physiotherapeutische oder osteopathische Therapien nur bis zum ersten festen Biss, dann entsteht sofort wieder das alte Verspannungsmuster. Das stellt eine massive Belastung für Patienten dar und wirkt sich auch auf das Konzentrationsvermögen aus (besonders deutlich kann man dies manchmal bei einer Regulierung in Phasen starker Verschiebungen sehen). Außerdem ist die Erholung im Schlaf nicht mehr gegeben, da der Patient einen Großteil der Nacht mit den Zähnen arbeitet.

Dr. Eva-Maria Höller

 

17 stört im Artikulator massiv und ist druck- und temperaturempfindlich, habituelle Okklusion völlig unauffällig
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